In Vorfreude auf das neue Buch von Elke Pistor

Im August 2014 erscheint das neue Buch von Elke Pistor im Ulstern Verlag. Der Titel lautet „Vergessen“ . Ich bin schon sehr gespannt auf dieses Buch. Um uns die Wartezeit zu verkürzen möchte ich euch heute gerne die Autorin mit ihrem Autorenportrait vorstellen.

Autorenportrait

Elke Pistor

Dieses Autorenportrait wurde von Elke Pistor zur Verfügung gestellt.

An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an Elke Pistor.

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Portrait: Elke Pistor
„Erschießen ist mir zu unpraktisch …“

Das wandhohe Bücherregal biegt sich unter dem gesammelten Kriminal- und Psychologiewissen. Mittendrin lauert eine handgroße Spielzeugvogelspinne auf Opfer. Eine antike Schreibmaschine versprüht einen bodenständigen Charme. Gelbe Notizzettel pflastern vereinzelt die Schreibtischablage – immer bereit, akute Geistesblitze festzuhalten. Es herrscht eine energiegeladene Atmosphäre. Fast so, als hätte jemand seine geballte Kreativität in diesem Zimmer ausgekippt und neu sortiert. Irgendwie stimmt das sogar. Denn dies ist das Arbeitszimmer, in dem die Krimiautorin Elke Pistor (47) ihre Gedanken zu neuen Geschichten reifen lässt. Ihr wichtigstes Instrument: eine graue Moderations-Pinnwand, an der sie ihren Plot mittels farbiger Notizen strukturiert. Wer hier auf Spurensuche geht, entdeckt u.a. Handbücher zum Thema Demenz und eine unechte ausgestopfte Eule, die über ihren Schreibtisch wacht – alles kleine Hinweise auf die Handlung von „Vergessen“, ihren neuen Kriminalroman, der im August 2014 im Ullsteinverlag erscheint.

Von Schweden zum Krimi

Wenn Elke Pistor an ihrem Kölner Schreibtisch sitzt und Fachbücher für den nächsten Fall ihrer Gemünder Kommissarin Ina Weinz wälzt, reist sie in Gedanken oft in ihre Heimat, die Eifel. Wie ihre erste Figur wird sie in Gemünd geboren und verbringt ihre gesamte Jugend dort. In ihren Ina Weinz-Krimis setzt sie dieser Zeit ein Denkmal. Dabei ist anfangs gar nicht sicher, ob sie überhaupt zum Schreiben finden wird. Ihre Eltern wünschten sich für sie eine Zukunft als Finanzbeamtin. Sie selbst will Schauspielerin oder Anwältin werden, studiert schließlich Pädagogik und Betriebspsychologie. Trotzdem hört sie nicht auf zu experimentieren, versucht sich auch als Malerin: „Ich war immer auf der Suche nach einer künstlerischen Ausdrucksform, die mir liegt“, erinnert sich die 47-jährige mit der markanten roten Brille. Ein erstes Mosaikteil entdeckt sie 2007, an ihrem 40. Geburtstag. Sie möchte nach der beruflichen Pause, die sie für ihre beiden Kinder eingelegt hat, etwas Neues anfangen. Vielleicht Schwedisch lernen, die Muttersprache ihres Mannes. Doch der Kurs der VHS liegt am anderen Ende der Stadt. So entscheidet sie sich lieber für das Seminar „Kreatives Schreiben“ in der Nähe. Eine gute Wahl. Das Schreiben gefällt ihr, das Feedback der Teilnehmer ist positiv – Elke Pistor leckt Blut.

Buchpremiere auf der Criminale

Von Haus aus ein wahrer „Fortbildungsjunkie“, investiert sie all ihre Energie in ihre neue Passion, schreibt sich erst an der VHS, später an der Bundesakademie in Wolfenbüttel ein. Das Ziel: möglichst viel Schreibhandwerk und -erfahrung sammeln. Über ein Internetforum tauscht sie sich mit anderen über ihre Texte aus, lernt, Kritik an ihren Geschichten nicht auf ihre Person zu beziehen – eine wichtige Lektion, wie sie selbst sagt. Am Ende zahlt sich ihre Arbeit aus. Auf Anregung ihrer Schreiblehrerin an der VHS, sendet sie ihre Kurzgeschichte „Für den Wind und die Vögel“ bei einem Wettbewerb ein – und gewinnt. Es ist ihre erste Veröffentlichung, die 2009 in der Anthologie „Mortus in Colonia“ erscheint. Vom ersten Erfolg beflügelt, besucht Elke Pistor einen Kurs bei den Autoren Sandra Lüpkes und Jürgen Kehrer. Von ihnen erfährt sie, dass die nächste Criminale in ihrem Geburtsort Gemünd stattfindet. Sie nutzt ihre Chance, setzt sich daheim an den Schreibtisch und erdenkt ihren ersten Eifelkrimi. Mit knapp 100 fertigen Seiten im Gepäck klopft sie bei verschiedenen Verlagen an. Nur ein Jahr später feiert „Gemünder Blut“ (Emons), auf der Criminale 2010 Premiere.

Über den Ursprung von „Mordsideen“

In den nächsten fünf Jahren schreibt Elke Pistor sieben Bücher. Sie arbeitet sich für ihre Krimis unter anderem in die Geschichte des Kölner Doms, Kräuterkunde und den Beruf des Tierpräparators ein. Doch woher nimmt sie ihre vielen Einfälle? „Bisher konnte ich mich immer auf meinen Inspirationsmoment verlassen“, sie lächelt verschwörerisch. Er wird zum Beispiel durch eine Autofahrt, ein Gespräch oder einen Blick in die Zeitung ausgelöst. Der Einfall zu „Vergessen“, in dem sie das Thema Demenz behandelt, kommt über einen befreundeten Psychiater und Neurologen zu ihr. „Er hat mir von einer ungewöhnlichen Erkrankung erzählt: der Frontallappendemenz, die sich vor allem auf das Gewissen und die Moral auswirkt, den Menschen völlig enthemmt. In diese Richtung habe ich weiter recherchiert.“ Ist die Idee erst einmal da, plant sie ihre Morde akribisch. Die Opfer werden erschlagen, springen aus dem Fenster oder ertrinken und verheddern sich in Schiffsschrauben. „Einfach erschießen ist mir zu unpraktisch. Das würde ich nie machen. Es ist laut und die Kugeln lassen sich in der Ballistik zurückverfolgen“, überlegt die Autorin. Dabei wäre es für sie vermutlich einfach, einen Mord mit Waffe zu beschreiben. Wie sie ein Luftgewehr benutzt, lernte sie einst von ihrem Großvater.

Organische Figuren – „alle meine Freundinnen“

Besonders viel Zeit investiert Elke Pistor in die Entwicklung ihrer Hauptfiguren. Sie stattet sie mit Familienproblemen aus, überlegt sich kleine Macken, gibt ihnen eine Motivation: „Jede Figur braucht ein Ziel, erst dann wird sie organisch.“ Bisher hat sie viele starke Frauen entworfen, darunter Katharina Rübchen und Judith Bleuler. Die Eifelkommissarin Ina Weinz steht ihr am Nächsten. Sie ist für sie sogar zu einer guten Freundin geworden. Wohl, weil sie die Erste war, die sie lebendig werden ließ. Mit ihrer „Neuen“, der Kriminalkommissarin Verena Irlenbusch, die in „Vergessen“ ihren ersten Fall gemeinsam mit dem Kollegen Christoph Todt lösen wird, steht sie noch am Anfang des Kennenlernens: „Sie fasziniert mich. Sie ist smart und cool in ihrem beruflichen Auftreten, trotzdem sensibel und rührend bemüht um ihre Großmutter. Ich bin gespannt, welche Facetten sie mir in Zukunft offenbaren wird.“ Gerade hat sie die Arbeit am zweiten Band der Reihe begonnen. Dabei verrät sie, dass sie trotz aller Verbundenheit zu Ina, Verena und Co., viel lieber Bösewichter entwirft: „Figuren interessieren mich als Menschen. Es gefällt mir zu ergründen, was sie antreibt. Dahinter steckt, dass jeder unter bestimmten Umständen zu einem Mord fähig ist, und ich überlege mir, welche das sind.“

Einfach schreiben

Geht es an die Plan- und Schreibphase, profitiert sie vor allem von ihren Erfahrungen als Workshopleiterin in der Erwachsenenbildung. „Von Natur aus bin ich eher ein unordentlicher Mensch. Wenn ich arbeite, brauche ich eine feste Struktur“, gibt Elke Pistor schmunzelnd zu. Daher auch die Krimipinnwand: „Ich entwerfe meinen Plot und erstelle einen Ablauf der einzelnen Szenen, den ich dann Punkt für Punkt abarbeite.“ Für jeden Roman legt sie ein eigenes Notizbuch an. Außerdem nutzt sie eine Diktatfunktion im Handy für spontane Geistesblitze. Von der ersten Idee bis zum Lektorat für ein ca. 300-Seiten Buch braucht sie in der Regel sieben Monate. Davon reserviert sie sich drei fürs Schreiben. Ihr Soll: sechs Seiten pro Tag. Dafür hat sie montags bis freitags zwei Stunden Zeit, wenn die Kinder in der Schule sind und ihr Mann auf der Arbeit. „Am besten schreibe ich, wenn ich alleine im Haus bin und mich nichts ablenkt, auch keine Musik.“ Nur der Platz im Haus, an dem sie schreibt, ist nicht fix. Mal entstehen ihre Szenen auf dem Laptop, während sie auf dem Ledersofa im Wohnzimmer sitzt. Mal, am Tisch ihrer kleinen Gartenoase unter dem wild rankenden Wein – immer umgeben von mindestens einer ihrer drei Katzen, die mit in der Familie leben. Von Schreibblockaden ist sie bisher verschont geblieben. Ihr Rezept: „Gute Vorarbeit und intensive Recherche, das nimmt den Druck raus. Und es macht mir Spaß, mich in etwas Neues einzudenken.“

Die andere Seite

Mittlerweile hat Elke Pistor viele Fachexperten an der Hand, die ihr gerne über forensische oder psychologische Details Auskunft geben. In den Vereinigungen für Krimiautoren „Mörderische Schwestern“ und „Syndikat“, sucht sie den Austausch mit ihren Kollegen. 2013 saß sie in der Jury des Friedrich-Glauser-Preises. 2012 und 2014 entschied sie mit über die Vergabe des Jacques Berndorf Preises, dem Eifelkrimiförderpreis. Wenn sie nicht schreibt oder plottet, bewirbt sie ihre fertigen Bücher via Facebook, produziert neue Buchtrailer für ihre Internetseite oder verlost Benefizlesungen. Bei allem, was sie tut, ist sie zu 100 Prozent dabei und ständig auf der Suche nach neuen Marketing-Ideen oder anderen kleinen Dingen, die ihre Bücher weiter bekannt machen. Um Rezensenten ihren Kräuterkrimi „Kraut und Rübchen“ schmackhaft zu machen, stellte sie sogar eigene kleine Päckchen zusammen, in denen sie die Bücher samt Kräuterteemischung an Blogger versandte.

„Hach“-Bücher und andere Freizeitvergnügen

Doch was macht sie, wenn sie mal gar nichts zu tun hat? „Wenn ich bügele oder das Katzenklo sauber machen muss, gönne ich mir gerne Hörbücher. Da kann ich auch gleich lernen, wie ich meine Stimme bei Lesungen einsetze. Am Liebsten Bücher, bei denen man am Schluss diesen ‚Hach’-Effekt hat“, schwelgt Elke Pistor. Aber sie geht auch gerne mit ihren Kindern in Disneyfilme. Da passieren zwar keine Morde, trotzdem sind sie schön. Und wie sieht es mit Urlaub aus? „Ich fahre eigentlich nicht gerne weg, da ich beruflich viel unterwegs bin. Wenn doch, bin ich meist im Wohnwagen unterwegs. Es gefällt mir, Unerwartetes abseits vom Hauptstrom zu entdecken. Mein absoluter Ruhe- und Sehnsuchtsort ist Schweden.“ Und wenn der Akku wieder aufgetankt ist, geht es zuhause gleich wieder ans Schreiben. Was für manchen vielleicht stressig klingen mag, ist für Elke Pistor eher Erholung: „Ich wollte immer etwas tun, wofür ich brenne und habe lange danach gesucht. Jetzt, mit 47 bin ich endlich angekommen.“ Während sie spricht, nimmt bereits die nächste Idee hinter ihrer Stirn Gestalt an. Sie blickt zur grauen Pinnwand, nimmt die verbliebenen Post-Its ab. Jetzt ist alles wieder ganz blank, bereit für neue Ideen, Fährten und Figuren – für den nächsten Roman.